Jul 20 2021

Soziale Proteste in Kuba

 
Die kubanischen Anarchist:innen unterstützen die sozialen Proteste im Land und verurteilen die Repression gegen sie. Sie lehnen sowohl das US-Embargo gegen Kuba als auch die diktatorische und prokapitalistische Politik der kubanischen Behörden ab. Sie erhoffen , dass die eingetretenen Ereignisse es ihnen ermöglichen, neue Räume für den Dialog über Antiautoritarismus und den sozialen Kampf außerhalb jeder Partei der Linken oder Rechten zu eröffnen. Am 10. Juli brachen in mehreren kubanischen Städten soziale Proteste aus. Spontane Demonstrationen fanden in San Antonio de los Baños, Havanna, Holguín, Camagüey, Santiago de Cuba und auch in Matanzas statt, wo in den letzten Jahren ein akuter Mangel an Medikamenten und Nahrungsmitteln zu spüren war.
Kuba steht vor einer schweren Wirtschaftskrise. Die Wirtschaft brach letztes Jahr um 10,9 % und in diesem Jahr um weitere 2 % ein. Kubaner:innen müssen stundenlang anstehen, um Grundbedürfnisse zu kaufen. „Sie protestieren gegen die Krise, den Mangel an Nahrungsmitteln oder Medikamenten, die Tatsache, dass alles in Devisengeschäften gekauft werden muss usw.“ Die Demonstranten forderten Medikamente, ein Ende der Stromausfälle und eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs. Einige riefen die regierungsfeindlichen Parolen „Nieder mit der Diktatur!“, „Freiheit!“ und forderte den Rücktritt von Präsident Miguel Díaz-Canel
Die kubanischen Behörden haben in den letzten Jahren die Marktreformen und die Entwicklung von privatem Kapital intensiviert. All dies hat die Probleme der sozialen Ungleichheit weiter verstärkt und die Kluft zwischen dem Reichtum der Elite, privaten Unternehmern und Spekulanten und der wachsenden Armut der Bevölkerung vertieft.Videos und Fotos in den sozialen Medien deuten darauf hin, dass Proteste an verschiedenen Orten durch Plünderungen von Geschäften begleitet wurden.
Da die Proteste spontan waren, gingen Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen auf die Straße. An manchen Orten waren antisozialistische Parolen, us-amerikanische Flaggen oder Aufrufe zur us-amerikanischen Intervention zu sehen.
Aber das war für die meisten Demonstrant:innen keineswegs typisch.
Darüber hinaus waren unter ihnen oppositionelle sozialistische und „kommunistische“ Aktivist:innen und Dissidenten
.Die Behörden reagierten auf die sozialen Proteste mit einer Repressionswelle. Dutzende Menschen wurden festgenommen. Die Demonstranten wurden mit Tränengas auseinandergetrieben. Mit Knüppeln und Stöcken bewaffnete Polizisten und Bürgerwehren griffen die Demonstrant:innen an, schlugen sie brutal und bewarfen sie mit Steinen.
Der verängstigte Präsident Díaz-Canel, der in San Antonio ankam, erklärte schnell, dass er die Probleme der einfachen Leute „verstehe“, beschuldigte die Demonstrant:innen jedoch sofort, von externen Feinden der Vereinigten Staaten und Neoliberalen manipuliert zu werden.
Die Behörden argumentieren, dass die Proteste selbst aus dem Ausland „gezündet“ wurden, als ob die arbeitende Bevölkerung der Insel nicht genügend Grund hätte, mit der schwierigen sozialen Lage, Armut und Ausbeutung unzufrieden zu sein.
 
Quelle: KRAS- MAT. Sección Rusa de la AIT (IWA )
    

Mai 12 2021

„Stark ist das Schweigen “ (Poniatowska).. Anarchismus und Revolution in Mexico – Teil 3

 

Anarchismus in Mexiko – abschliessender Teil !

In den 30erJahren war die CGT an den Rand gedrängt worden und führte mehr und mehr ein Schattendasein. Es kamen zwar in den nächsten Jahrzehnten viele Anarchist*innen aus europäischen Ländern nach Mexiko, doch die meisten sahen ihren Aufenthalt nur als Etappe an und orientierten sich in ihren Tätigkeiten an und für Europa. Dennoch hinterließen sie ihre Spuren in Landbesetzungen, Streiks und vor allem in der freien Bildung – ohne herkömmliche Schulen oder Universitäten. Spuren, die später eine neue, andere Generation im September 1985 in die mexikanische Öffentlichkeit tragen sollten.

Im „Terremoto de 1985“ kam es zu einem Erdbeben der Stärke 8.1., gefolgt von einem ähnlich starken Nachbeben einen Tag später und zerstörte große Teile der Hauptstadt.

Die Zahl der Toten wird mit 20 000 angegeben. Die korrupte Regierung liess zwar über das Radio Durchhalteparolen verkünden, die Hilfe wurde aber nur in den reichen Vierteln und in den Touristenzentren eingesetzt. Also war Selbsthilfe angesagt.


Eine neue Generation von Libertären, in einem Netzwerk von Kommunen und Kooperativen über ganz Mexiko verteilt, kurz „Red“(Netz) genannt, schufen die grünen Brigaden, praktische, einfache Nachbarschaftshilfe, basierend auf dem Prinzip der Selbstorganisation und der alternativen Lebensraumgestaltung

„>red< koordinierte Kommunen und Kooperativen in ganz Mexiko und unterhielt enge Beziehungen zur Kommunebewegung in den USA und Europa. Ihre Gründer*innen leben in der Anarchokooperative Huehuecoyotl und hier wurde auch die Idee der >grünen Brigaden< geboren. Das beschränkte sich nicht auf Steineklopfen, Handreichungen und Suppekochen.

Sie wollten den Leuten auf Dauer helfen. Und das konnte nur damit beginnen, ihnen behutsam aber eindringlich klarzumachen, woher die Ursachen ihres Unglücks kamen und was in Zukunft anders gemacht werden kann. Ein neues Erdbeben konnten sie nicht verhindern, aber die Folgen künftiger Ereignisse konnte schon beeinflusst werden.
Und das galt nicht nur für Naturkatastrophen.
In den folgenden Wochen, in denen die Brigade in wechselnder und langsam schrumpfender Besetzung am Ort blieb, konnten sie den Leuten vieles klarmachen. Aber sie traten dabei nicht nur als Lehrer auf, sie lernten, das vieles von dem, was sie den Menschen
vermitteln wollten, schon langst in ihnen steckte, allerdings verschüttet.
Vor allem aber lernten sie, das es allemal am wirkungsvollsten und befriedigsten ist, wenn man die Grundsatze von gegenseitiger Hilfe, von Solidarität, von Kollektivismus und Freiheit nicht nur als Agitator vertritt, sondern vorlebt. Hierbei kamen nun auch die verschiedenen beruflichen Kenntnisse zum Tragen.“ („Leben ohne Chef und Staat“)

https://ia903204.us.archive.org/31/items/HorstStowasserLebenOhneChefUndStaat/Horst_Stowasser_-_Leben_ohne_Chef_und_Staat.pdf

Die Katastrophe hat viele Dinge ins Bewusstsein gerückt –gegen den absurden Zentralismus der Hauptstadt und daraus die Notwendigkeit dezentraler und selbstverwalteter Alternativen zum Wachstum und zur Stadtentwicklung. „

In diesen Tagen wuchs die Ablehnung gegenüber der Staatspartei PRI. Die Menschen aus den betroffenen Stadtvierteln wurden ganz einfach und ganz praktisch mit den Ideen des Anarchismus vertraut. Anarchie ist eben überall dort machbar, wo Mensch sie lässt.

Ende der 7Oer Jahre führte die Entdeckung riesiger Ölfelder die PRI dazu, sich mit der Aussicht auf unermesslichem Reichtum im Ausland Kapital zu leihen, um eine neue Industrialisierung durchzuführen. Doch durch eine internationale „Ölkrise“ fielen die Preise und der mexikanische Staat in eine tiefe Verschuldung. Als das Land vor dem Bankrott stand, stiegen Weltbank und IWF ein. Die anschließende allgemein wohl bekannte „Sanierungspolitik“ führte zu einer weiteren Verelendungen der ärmeren Bevölkerungsgruppen und einer Verarmung des Mittelstandes. Die Banken und große Teile der Industrie wurden privatisiert, die Ölindustrie durfte die PRI allerdings behalten. Das Freihandelsabkommen NAFTA mit USA und Kanada wurde installiert. Dieser Vertrag sollte am 1.Januar 1994 in Kraft treten. All die nicht sehr edlen Damen und Herren, die Reichen und selten Schönen versammelten sich am Silvesterabend auf ihren Balkonen, um die Lösung ihrer Probleme ausgiebig zu feiern.

Doch am nächsten Morgen wurden sie alle jäh geweckt.

Im Morgengrauen des 01.01.1994 besetzte die „EZLN“(Ejercito Zapatista de la Liberacion Nacional ) fünf Kreisstädte in Chiapas, Mexiko. An diesem Tag wurde in San Cristobal de las Casas die erste „Declaracion de la Selva Lacandona“ verlesen. In dieser Deklaration erklärt die EZLN der mexikanischen Regierung den Krieg, indem sie sich auf Artikel §39 der mexikanischen Verfassung beruft. Dieser besagt, dass die nationale Souveränität einzig und allein in den Händen der Bevölkerung liegt. Ausdrücklich wird darin dem Volk das unveräußerliche Recht gewährt, jederzeit die Regierung zu verändern. Die Forderungen der Zapatisten waren Arbeit, Land, ein Dach über dem Kopf, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Autonomie, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden.

Es ist erst einmal die Ähnlichkeit der Bilder, die zum einen bei vielen die Fantasie anregen und die Libertären Abstand nehmen lässt. DieBalaklavamützen, das armeeähnliche Auftreten, visuelle Ikonen – erinnernd an Kuba, an Nicaragua. Die politische Bildung der lokalen militärischen Führer und wenigen Führerinnen ist marxistisch, die Armee scheint hierarchisch. Aber diese EZLN ist nicht das Zentrum dieser Bewegung, es ist die Struktur der Gemeindeautonomien, die entscheidend ist.
Fast 500 000 Menschen im Süden von Mexiko mit 5 Sprachgruppen sind Teile dieser „Caracoles“, diesem basisdemokratischen Selbstverständnis – gekennzeichnet durch kollektive Entscheidungsprozesse, kommunitäre Lebensorientierung usw. Nichts neues zwar, auf immer wieder aufs neue.
Und es sind Organisationen wie die „Alianza Magonista Zapatista“, die den Bogen schlagen zur Revolution und den Magonisten von 1910.

Auf den Strassen der mexikanischen Städte erscheint in den 70erJahren der „Punk“, wenn auch in der Hauptstadt es mehr die jungen Bürger*innen aus z.B. der „Zona Rosa“ sind, die sich das Haar färben und kaputte Jeans tragen.
Einige Jahre später werden Musik und Rhythmus schneller, aggressiver und mehr und mehr wird dieser „HardCore“ das Element des Anarchopunk, getragen von den armen und ausgegrenzten Jugendlichen, die sich mehr und mehr auch durch und in Fanzines zum Anarchismus und/oder Feminismus bekennen.

„http://youtu.be/dAXkItfg_W4″> (4Teiliger Videofilm zur Anarchopunkszene in Mexiko, in spanisch)

In dieser Zeit – so ab 1997 – entsteht ein Netz von autonomen und anarchistischen Gruppierungen, soziale Bibliotheken , Cruz Negra Anarquista,freie Radios und soziale Zentren.

—- die Aufstände in Oaxaca, die Erfolge der „Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca (APPO)“ bestätigen darüber hinaus erfolgreich die Fokussierung auf die lokalen Kämpfe und die Bedeutung der Gemeinden.

Dem gegenüber steht die Repression der mexikanischen Regierung, die aus dem Land mehr und mehr eine Festung macht – so dass oft nur die Verteidigung bleibt für das Leben des einzelnen Menschen und gegen den Raubbau der natürlichen Ressourcen, aber auch vorwärts getrieben durch die Entwicklung der letzten rd. 20 Jahre – wie die Selbstorganisation und Selbstverwaltung in den Widerstandsformen auch der indigenen Gemeinden, die sich nicht unbedingt offen als „Anarchismus“ erklären wollen, aber in ihrem Fundament durchaus eine libertäre Dimension tragen

Entsprechende Links:

„http://abajolosmuros.wordpress.com/„>

„http://asambleapopulardelospueblosdeoaxaca.blogspot.de/“>

„http://www.nodo50.org/cipo/“>

„http://congresolibertario.blogspot.de/“>


Mai 12 2021

y yo accuso – und ich klage an.. Anarchismus und Revolution in Mexiko, Teil 2

 

Anarchismus in Mexiko, Teil 2

 „Wer? Wer? Nadie, keine(r). Am nächsten Tag, nadie. Der Platz am Morgen gefegt. Die Zeitungen brachten als Hauptnachricht den Wetterbericht.
Und im Fernsehen, im Radio, im Kino gab es keine Programmänderung, keine eingeblendeten Nachrichten, keine Minute der Stille beim Bankett: Nun ja, das Bankett wurde fortgesetzt“ 
(Gedenkstein zum 2.Oktober 1968 in Mexiko D.F., Poem von Rosario Castellanos)

Eher „wohlwollende“ Repression ist das wohl zu nennen, was durch die Cardenasregierung nun wirklich passierte. Die CROM, zwischendurch in CGOCM (Confederación General de Obreros y Campesinos de México) umgewandelt, wechselte wiederum 1936 den Namen in CTM(Confederación de Trabajadores de México) um und wurde nun als die offizielle „neue Arbeiterbewegung“ sozusagen ernannt. Cardenas verstaatlichte 1938 größere Teile der Ölindustrie, um damit einen so genannten „Geist der nationalen Einheit“ zu schaffen, der es leichter machen sollte, aufständische Arbeiter niederzuhalten.
Einen weiteren eventuellen Aufstand der ländlichen Bevölkerung begegnete er mit einer „Neuverteilung“ des Landes. Selbstverständlich ließ er die großen Haziendas unangetastet, die Umverteilung bezog sich nur auf schwer zu bewirtschaftendes Land. Das Ergebnis war eine weitere Verarmung der Campesinos. Die auf Kurs gebügelte CTM und der neu gegründete CNC (Confederación National Campesina) entschärfte die Wut der Arbeiter und Bauern und kanalisierte sie in eine nationale Identität.

Ruben Jaramillo

der mit 15 in der „Südlichen Revolutionsarmee“ von Zapata kämpfte, organisierte 1943 zum ersten Mal einen Streik der Zuckerarbeiter in Zacatepeca. Er muss untertauchen und gründet in den Bergen eine Armee der Landarbeiter und Bauern, die bewaffnete Aufstände gegen die Regierung beginnen. Im Lauf der nächsten Jahre kam es trotz intensiver Bekämpfung durch die Armee( die sogar die Luftwaffe einsetzte) zu Landbesetzungen. Erst 1961 gelang es dem Militär, die „Jaramillistas“ endgültig zu besiegen.

Die Diazdiktatur war abgeschafft, es herrschte die Diktatur der Partei. die sich nun PRM nannte und die ihrer Funktionäre und Helfershelfer. Die Mitglieder der Partei, die 1948 in die PRI umbenannt worden war, die so genannten „ Säulen der Gesellschaft“, lebten gut.
Die PRI bedankte sich reichlich für ihre Kooperation , nicht nur durch Verleihung von Ämtern und Funktionen, sondern ließ sie auch teilhaben an den Einkünften aus der staatlichen Ölindustrie.

Dies führte zwischen 1958 und 1959 zu heftigen Arbeitskämpfen , die grössenteils wohl von den linken Oppositionsparteien , allen voran der verbotenen kommunistischen Partei initiiert worden war. Streiks der Minenarbeiter in Pachuga(Hidalgo), Monterrey(Nuevo Leon) und Tasco, der Textilarbeiter*innen in Puebla.

Die Mindestlöhne dieser Zeit waren sehr niedrig, Übergriffe von Paramilitärs und regulären Armeeeinheiten in den Provinzen alltäglich, was immer wieder bewaffneten Widerstand mit sich brachte. Viele zogen vom Land in die immer voller werdende Hauptstadt, oft bis zu 2000 Menschen am Tag. Mitte der 60erJahre war die Stadt auf 8 Millionen Menschen angewachsen, viele von ihnen erwerbslos bzw. für einen Hungerlohn in die Fabriken getrieben, eiligst gezimmerte Hütten dienten als Unterkunft.

Ab dem Sommer 1968 gingen vor allem von der Student*innenbewegung immer grösser werdende Proteste gegen den autoritären, undemokratischen Stil der PRI aus.
„Wir lebten in einem Mexiko mit einer Einheitspartei, mit gefälschten Wahlen, mit minimaler Meinungsfreiheit außerhalb der Universitäten. Wir Studenten waren zuerst nur eine kleine Gruppe innerhalb der Gesellschaft, die ganz konkret anfing, gegen dieses System, die wachsende Unterdrückung und für die Freiheit der vielen politischen Gefangenen zu protestieren.“

Sich in Mexiko politisch zu betätigen, ist sehr riskant. Alle sozialen Bewegungen wurden bisher niedergeschlagen. Die Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden härter und blutiger – immer mehr Arbeiter*innen schlossen sich den Aufständischen an.
Wenige Wochen vor Eröffnung der Olympiade befürchteten die Machthaber einen Imageverlust und sprachen offiziell von einer „kommunistischen Verschwörung“ – gesteuert von Moskau und Havanna. Am 2.Oktober trafen sich die Aufständischen auf dem „Platz der drei Kulturen“ im Stadtteil Tlateloclo, der immer ein Platz für Kundgebungen war.

Ein Hubschrauber kreiste über den Platz, feuerte Leuchtkugeln ab. Das so genannte „Bataillon Olympia“ stürmte die Rednertribünen und warf sich auf die Redner*innen. Scharfschützen schossen gezielt von den umliegenden Dächern. Soldaten rund um den Platz feuerten auf alles, was sich bewegte, töteten so Demonstrant*innen, eingeschlossene Passanten, die nicht mehr rauskamen, richteten Mütter hin und ihre Kinder, die gerade vom Einkaufen kamen.

„Ich glaubte, daß am nächsten Tag, also am 3.oder 4.Oktober, die Menschen sich erheben würden, weil ihre Kinder ermordet worden waren – aber nichts geschah, gar nichts“ (Rosario Castellanos).

Der Liedermacher Jose de Jesus Molina Nunez, besser bekannt als Jose Molina, war einer der Überlebenden des 2.Oktober sowie des anschliessenden „Halconazo“ (s.u.). Er, der sich als libertärer Sozialist bezeichnet, schrieb unmittelbar danach das Poem: „Y yo acuso

Y yo acuso – und ich klage an

Ich klage die mit den korrekten Blicken an, die von Geburt an Schwachsinnigen, die meinen, sie stünden auf der Seite, der die Natur vergibt, die voller Inbrunst ihre Kannibalismus-Prophezeiung ausstoßen.
Ich klage die Mauern an, welche die Zukunft missdeuteten und die Angst verkörperten, die das steinige Licht der Haubitze mit den von jugendlichem Fleisch bedeckten Rücken vermählten.
Ich klage den Zement an, wo die Türen zum Tod sich mit dem Gesicht nach unten und die Terrassen, Friedhöfe der lebendig Begrabenen, sich trafen, und wo die Hirschgehege sich öffneten.
Ich klage das Massengrab an, die Öfen zur Feuerbestattung und die Frömmigkeit oberhalb der Augen.
Ich klage die Grube an, wie ein Wolf über der Hoffnung, und stets nur auf der Suche nach seinem vollkommenen Ebenbild.
Ich klage den zweiten Oktober an, der der zweite November Mexikos sein wollte.
Ich klage die Seiten der Tageszeitungen an, soll doch ein Gefängniswärter kommen, um die schwere, grausame Erinnerung zu verabschieden und diesen Zeitabschnitt von Neuem zu ordnen.
Ich klage die Pläne auf dem Schreibtisch an und den Lärm des Vollstreckungsstuhles, festgeschraubt am Hinterhalt und an der Verzweiflung.
Ich klage das trockene Steingebäude an, in dem das Wort des Gesetzes neu verfasst wurde, und der letzte Gedanke und der Schrei, der „ich bin der Verantwortliche“ sagte, und die Kehle, und die Zunge, und das Paar, das ihn hervorbrachte und möglich machte.
Ich klage die Liste der Verschwundenen an, die Geschosse, die Fahrzeuge, die Kühlhäuser, die Verwundeten mit ihrer Last, das Lager, das einst den Frieden bewachte und sich im Jahr 1968 in ein Konzentrationslager verwandelte.
Ich klage mein Land an, dafür, dass es seine Korps nicht wie geschärfte Messer geschleudert hat, und dafür, dass es Verletzte wie verwundete Schmetterlinge auf den Straßen verschuldet hat.“

„http://youtu.be/GAQnIA8J8JY“> („Yo acuso“, gesprochen von Leopoldo Ayala)

Es lag schon immer im Interesse der PRI, die Geschichte selbst zu schreiben und die Erinnerung daran unter Kontrolle zu halten.
Dieses „menschenfreundliche Ungeheuer“ schien nach dem Massaker im Oktober in eine tiefe Legitimitätskrise zu geraten – so dachten es jedenfalls die Intellektuellen in Mexiko und kündigten ihre Unterstützung für die PRI auf. Das korporatistische System hatte sie zwar auch gut versorgt, jetzt aber entdeckten sie so etwas wie ihre persönliche Schamgrenze.
Doch das Regime reagierte wie gewohnt. Der verantwortliche Minister für das Massaker auf dem „Platz der drei Kulturen“, Luis Echeverria Álvarez, wurde einfach zum nächsten Präsidenten von Mexiko gemacht und mit ihm ging die „guerra sucia“, der „schmutzige Krieg“ mit der „Halconazo“ 1971 weiter.

„guerra sucia“ – allgemeine Bezeichnung für die verdeckte, illegale Bekämpfung linker Opposition und Gegner*innen des Regimes. Praktisch äusserte sich das im Verschleppen, Foltern und Ermorden. Der Begriff wird allgemein in den beiden Massakern 1968 und 1971 gesehen, wobei 1971 hier zum ersten Mal eine bis heute existierende paramilitärische Organisation „Los halcones“ (die Falken) auftauchte (s.auch Atenco 2006).

Am 10.Juni 1971 stürmten die Paramilitärs der „Falken“ im Stadtteil Santo Tomás in Mexico D.F. eine Versammlung vorwiegend von Studentinnen und Studenten. Es gab 40 Tote.
Das Massaker ging als „Halconazo“ in die mexikanische Geschichte ein.

Diese beiden Ereignisse, der 2.Oktober 1968 und der „Halconazo“, trieben einige der Aktiven in den Untergrund, wo sie in einer maoistisch geprägten Guerilla ihre Kämpfe fortsetzten. 1974 war die Mehrzahl von ihnen gefangen und/oder ermordet.

Einige verschwanden in den lakandonischen Wäldern im Süden von Mexiko.


Mai 12 2021

Anarchismus und Revolution in Mexiko- 1.Teil: Die soziale Revolution macht nur eine kleine Pause,,

Anarchismus und Revolution in Mexico – 1.Teil !

Colonia Guerrero in Mexico D.F., im Norden die Calle Ricardo Flores Magón —- Strassen mit seinem Namen gibt es inzwischen in ganz Mexico, vor allem im Süden des Landes, in dem er 1874 im Bundesland Oaxaca geboren wurde. Dort ist seine Name so präsent wie vielleicht nie zuvor.

Ricardo wuchs im so genannten „Porfiriat“ auf. Dieser Begriff bezieht sich auf die über 30 jährige Amtszeit des Generals Porfirio Diaz, der 1876 durch einen Militärputsch Präsident wurde und den Reichtum der Großgrundbesitzer und der Kirchen erheblich verstärkte. Flores Magón beteiligte sich schon 1892 als Schüler an einer größeren Demonstration um anschließend zum ersten Mal inhaftiert zu werden. 8 Jahre später, da schon beeinflusst durch die Schriften von Kropotkin und Bakunin, gründete er die Zeitschrift „ Regeneración“.

 

Ihm wird da schon das Leben und das Wirken von Plotino Constantino Rhodakanaty bekannt gewesen sein, der nach John M. Hart wohl der erste Anarchist Mexikos sein war.

Plotino Constantino Rhodakanaty wurde am 14. Oktober 1828 in Athen geboren. Nachdem er an einem (gescheiterten) Aufstand in Ungarn teilgenommen hatte, musste er das Land verlassen, ging nach Berlin und 1850 nach Paris, um mit Proudhon über dessen Werk „Was ist Eigentum?“ zu sprechen. In dieser Zeit reifte bei ihm der Entschluss, eine sozialistische Kolonie in Mexiko zu organisieren.
In Mexiko gründete er dann eine Schule und gab die Utopie„Cartilla Socialista“ heraus, in denen er die Ideen von Fourier und Proudhon zugrundelegte.

„http://www.antorcha.net/biblioteca_virtual/politica/cartilla/cartilla.html„>

Während seiner Tätigkeit als Lehrer organisierte er Clubs, gab Zeitschriften heraus und gründete mit einigen seiner Studenten die mexikanische Filiale der „1.Internationale“.

Dem gegenüber stand die politische Lage im Land. Nach dem Tode von Benito Juarez und der zwischenzeitlichen Präsidentschaft von Sebastian Lerdo de Tejada, war es nun Porfirio Diaz, der nun seit 1876 regierte.

Durch verschiedene Agrargesetze wurde aus jahrhundertealtem Gemeindeland , den „ejidos“ der Dorfgemeinschaften, nun wachsendes Kapital der Großgrundbesitzer, die Kleinbauern zu Saisonarbeiten oder zu so genannten „peones“ gezwungen (so etwas wie eine Schuldknechtschaft), die einem Sklavendasein ähnelte.

Aufkommender Widerstand wurde da erstmals durch die von den Großgrundbesitzern bezahlten paramilitärischen „Guardias blancas“ unterdrückt. Ausländische Gesellschaften sicherten sich mehr und mehr in Abstimmung mit der Diazregierung Zugriff auf die Bodenschätze, vor allem Erdöl.
Die mexikanische Bevölkerung, vor allem der größere indigene Teil, wurde schlichtweg als „minderwertig“ definiert, unfähig, das Land zu entwickeln.
Sehr bald stieg der Einfluss der ausländischen Gesellschafter, vor allem der der USA, was zu einer immer größeren Unzufriedenheit der nationalen Bourgeoisie führte.

 


1906 kommt es zu einem Aufstand der Kupferarbeiter in Sonora, im Nordwesten von Mexiko. Streikführer sind Mitglieder der liberalen Clubs. Der Besitzer, ein USamerikaner namens William Greene, lässt die Nationalgarde von Arizona auf die Streikenden los. Mehr als 100 Arbeiter werden massakriert. In den nächsten Jahren spielte das städtische Proletariat bis auf wenige löbliche Ausnahmen keine Rolle in der laufenden Revolution. 1912 vereinigten sie sich in der Zentralgewerkschaft „Casa del Obrero Mundial“ und verpflichteten sich zur Neutralität.
Obwohl einige von ihnen anarcho-syndikalistisch orientiert, arbeiteten sie mit dem liberalen Bürgertum zusammen. Es war eine Liaison auf Gegenseitigkeit., die dazu führte, dass die meisten Arbeiter als „rote Bataillone“ 1915 gegen die soziale Revolution eingesetzt wurden.

Ein Jahr später bezahlten sie für diese Handlungen einen hohen Preis. Ihre (ehemaligen) Verbündeten stürmten das Gebäude der Casa, der erste Generalstreik in der Geschichte Mexikos wurde blutig unterdrückt.

Nach 1906 mehrten sich im liberalen Lager die Stimmen, die auf eine Ablösung von Porfirio Diaz drängten. Bei ihnen Ricardo Flores Magón, der in seinem Exil in Texas mit dem Slogan „ Reform – Freiheit – Gerechtigkeit“ eine der treibenden Kräfte geworden war. Er gründete mit Gleichgesinnten, dabei zwei seiner Brüder, die „PLM – Partido Liberal de México“, wo sich viele Bevölkerungsschichten wieder finden konnten. Mit Flugblättern, Plakaten und vor allem Schriften wurde zur Beseitigung der Diaz-Diktatur aufgerufen. Die nachfolgenden Repressionen entfachten eine Menge von Demonstrationen und militanten Auseinandersetzungen.

Im Frühjahr 1910 einigte sich die Opposition auf Francisco Madero als offiziellen Gegenkandidaten. Ricardo Flores Magón distanzierte sich in der „Regeneración“ eindeutig von Madero und seiner politischen Richtung.:

Regierungen verteidigen vor allem anderen das Recht auf Besitz. Glaubt nicht dass Madero das Recht auf Besitz zum Vorteil des Proletariats angreifen wird. Öffnet eure Augen ! Die Emanzipation des Arbeiters kann nur das Werk des Arbeiters selbst sein.“

Die „PLM“ hatte inzwischen ihr Motto geändert. „Tierra y libertad“ wurde die Losung die später von Zapata und Villa aufgegriffen und bis heute mit der mexikanischen Revolution verbunden bleibt.

Zwischen 1910 und 1920 wurde nun Mexiko durch eine Serie von Kämpfen und Revolten erschüttert, die versuchten, das politische und soziale System des Porfiriats umzuwandeln.

Bei diesen Kämpfen griffen immer mehr Frauen aktiv in das revolutionäre Geschehen ein. Ohne rechtlichen Status, ohne Selbstverantwortung und ohne Selbstbestimmung im Alltag traten sie nun als „Soldaderas“ weit aus dem Schatten.
Als Symbolfigur für all diese Frauen entstand die legendäre, aber eher fiktive Figur der „Adelita“, die in vielen Lieder und Tänzen in Mexiko berühmt ist und in der Frauenbewegung als Symbol für Mut und Kraft gilt.

Hier seien kurz Margarita Ortega http://radiochiflado.blogsport.de/2012/02/03/margarita-la-magonista/“>

und Dolores Jimenez y Muro genannt.

Dolores war Redakteurin von „La mujer mexicana“ und wurde 1910 wegen ihren Aktivitäten gegen die Diazdiktatur mehrmals festgenommen und inhaftiert. Aus der Gefängniszelle heraus gründete sie „Regeneracion y Concordia“, wo sie sich vor allem für die Rechte der Indigenen und Frauen einsetzte. Später kämpfte sie in der Armee von Emiliano Zapata und gehörte zu deren inneren Kreis.

 (Magonisten 1911 in Tijuana)

Im Januar 1911 initiierten die Brüder Flores Magón den Aufstand in Baja California und eroberten Mexicali und später Tijuana, um dort so etwas wie eine anarchistische Republik aufzubauen. Zur gleichen Zeit leitete Emiliano Zapata einen Aufstand in Morelos, südlich der Hauptstadt.

In diesen Jahren werden die verschiedenen Interessen der mexikanischen Revolution deutlich. Da sind zum einen die bürgerlich-liberalen, die eine Absetzung von Porfirio Diaz fordern, mit jedem zusammenarbeiten, um sie anschließend zu liquidieren und sich in einem Personenkarussell von Madero über Huerta und Carranza um die Regierungsmacht streiten. Und die verschiedenen sozialrevolutionären Aufstände von Zapata und Villa, die sich den Norden und den Süden quasi aufgeteilt haben sowie die Magonisten, die immer mittendrin und dabei in ihren Kämpfen den libertären Sozialismus propagieren.

Am 18.Juli 1911 werden sie von Maderos Truppen in Mexicali und vier Tage später in Tijuana bekämpft. Ricardo muss flüchten und wird erneut in den USA inhaftiert. Im gleichen Jahr veröffentlichen sie ihr neues Manifest „Tierra y libertad“:

Solange es Arme und Reiche gibt, Regierende und Regierte, wird es keinen Frieden geben. Ein jeder sein eigener Herr. Alles muss durch gegenseitige Zustimmung der freien Individuen geregelt werden. Tod der Sklaverei ! Tod dem Hunger ! Es lebe Land und Freiheit.“

Im Plan von Ayala formulierte Zapata wenige Monate später sein Programm für die „Revolution des Südens“, was neben der Rückgabe der „ejidos“ auch eine Aufteilung von einem Drittel des Großgrundbesitzes und eine Enteignung von Revolutionsgegner vorsah, aber in der Realität eher alte Besitzverhältnisse restaurierte, statt eine wie von den Magonisten geforderte radikale Landreform durchzuführen – nach dem heute sehr bekannten Motto: Todo para todos – nada para nosotros.“

„Arbeitet ihr gemeinsam, werdet ihr weniger arbeiten und mehr ernten. Wenn ihr aber das Land aufteilt, lauft ihr Gefahr, dass sich das Land Schritt für Schritt wieder in einigen wenigen Händen konzentriert und ihr damit eure Kinder dazu verdammt, eine neue Revolution durchzuführen, um das Land endgültig zu enteignen.“

Regional begrenzt und ohne weitergehenden Forderungen wird das zapatistische Gebiet um Morelos zwar unabhängig von der Zentralregierung, aber auch leichter zu bekämpfen.

1913 brechen die Konflikte zwischen den einzelnen Machtinteressen aus und es beginnt so etwas wie ein „Bürgerkrieg“. Von nun an bestimmen Verrat und gegenseitige Attentate die weitere Geschichte.

Nach dem Mord an Madero gab es weitere Kämpfe, in denen letztendlich Carranza triumphierte, der die Verfassung von 1917 als entscheidenden Schritt für die postrevolutionäre Zukunft verkündete.

Ricardo und Enrico Flores Magon werden in den USA, die inzwischen offen Carranza unterstützt, vor Gericht gestellt und 1916 zu Gefängnis und Geldstrafen verurteilt. Kautionen, die u.a. von Emma Goldmann gesammelt werden, helfen ihnen da erstmal raus.

Carranza als Präsident von Mexiko lässt die Casa del Obrero Mundial schließen, sie hat ihre Schuldigkeit getan, adios ! 1917 verabschiedet sein Kabinett eine neue Verfassung. Bürgerliche Historiker mögen sie „fortschrittlich“ nennen. So gibt es z.B. einen Artikel zur „Nationalisierung der Bodenschätze“ oder eine „Agrar-und Sozialgesetzgebung“, aber wir werden noch lesen, was davon in Wirklichkeit zu halten war. Die sozialrevolutionären Forderungen, die während der Revolution erhoben waren, blieben jedenfalls unerfüllt.

Für die Nationalrevolutionäre war die Revolution nun zu Ende. Es beginnt die Evolution der Parteiendiktatur der PRI. Vorher allerdings galt es noch den Rest zu entsorgen.

1919 wird Zapata ermordet, Pancho Villa auf seiner Farm 1923.  

Ein Jahr zuvor gründete sich die anarcho-syndikalistische CGT(Confederación General de Trabajadores).Mexikos, diesmal wirklich unabhängig. Im ganzen Land streikten die Arbeiter, boykottierten USamerikanische Waren und forderten die Freilassung der wieder mal inhaftierten Brüder Flores Magón.

Am 22.November 1922 wird Ricardo Flores Magón, Anarchokommunist und libertärer Visionär der mexikanischen Revolution, in seiner Gefängniszelle ermordet.

Der CGT stand in dieser Zeit der von der Carranzaregierung geförderten und kontrollierten CROM (Confederación Regional Obrera Mexicana) gegenüber, deren Führer, Morones, zur gleichen Zeit auch Arbeitsminister der Regierung war.

Enrique Flores Magón, geboren am 13.4. 1877, war der jüngste der drei Magónbrüder. Weniger Visionär, mehr Kämpfer, widmete er sich vor allem dem Journalismus und veröffentlichte während der Díazdiktatur zeitweise Zeitschriften mit solch illustren Namen wie „Sohn des Fluches“,“Vater des Fluches“, „Skorpion“. Von ihm stammt der Text der Revolutionshyme „Tierra y Libertad“.

„Proletarier/stürzen wir die niederträchtige Konstruktion/ des bürgerlichen Systems/ das unterdrückt/es wird Zeit daß wir frei sind/ und aufhören zu leiden/alle gleich und Geschwister/mit demselben Recht zu leben –
Proletarier/hebt eure Stirn/ brecht die Ketten der Sklaverei/ und verkünden wir die neuen Ideen“

 

Auch er war einige Jahre in USamerikanischer Haft. Seine Entlassung und Rückkehr nach Mexiko waren für ihn alles andere als erfreulich – kehrte er doch nur noch mit der Leiche seines Bruders Ricardo zurück. Er trat sofort der CGT bei und organisierte viel vor allem im ländlichen Bereich. Nur wenige Monate vorher war in Berlin u.a. von Rudolf Rocker die „Internationale Arbeiterassoziation“ als Zusammenschluss anarchosyndikalistischer Gewerkschaften gegründet worden.
Enrique und die CGT gehörten zu den Gründungsmitgliedern. 1925 schrieb er in der Zeitschrift „protesta“ unvermindert kämpferisch:

Die soziale Revolution in Mexiko ist noch nicht zu Ende. Sie nimmt nur eine kleine Pause. Mit jedem weiteren Machthaber finden unsere Ideen immer mehr fruchtbaren Boden. Je mehr sie anbieten, ohne etwas zu erfüllen, umso größer werden die Reihen derer, die eine soziale Revolution wollen.“

Die nächsten Präsidenten agierten dann auch dementsprechend. Carranza, der die Reformversprechen nicht erfüllte, wurde in einem von General Obregon organisierten so genannten „Volksaufstand“ abgesetzt und auf der Flucht erschossen. Mit Interim de la Huerta und noch mal Obregon beginnt einer 14jährige Herrschaft der „Sonoristas“, eine Clique von Militärs aus dem Bundesstaat Sonora. Ehemalige Diazanhänger werden rehabilitiert, auf der anderen Seite gelingt es, die ehemaligen Befreiungsarmee des Südens , also die von Zapata, zu integrieren. Weitere Putsche, weitere Sonoristas.

1929 gründet Elías Calles die Vorläuferin der PRI, die PNR (Partido Nacional Revolucionario), die nationalrevolutionäre Partei. Er wird so etwas wie der „jefe maximo“ der mexikanischen Politik.1934 beendet Lázaro Cardenas die Macht von Sonora und sorgt für einen starken Reformkurs.

Währenddessen wuchs die Mitgliederzahl der CGT und sie schien eine starke Kraft in der Arbeiterbewegung zu werden. Viele CROM Mitglieder, enttäuscht von den Manipulationen und Korruptionen ihrer obersten Führer, waren herübergewechselt. Die CGT wuchs so schnell auf 80 000 Mitglieder.

Doch der plötzliche Wechsel vieler ideologisch unerfahrenen Arbeiter mitsamt ihren Führern schuf auch Missbehagen und schlechte Erinnerungen. 1931 zog dann auch eine Gruppe Marxisten wie andere radikale Führer einen Grossteil der Syndikate wieder aus der CGT heraus , weil sie mit der nun gefestigten und sozial aktiven Cardenasregierung zusammenarbeiten wollten. In einer „Sozialpartnertschaft“ genannten Liasion, die verdammt an die Casa del Obrero während der Revolution erinnert, wird die CGT nun marginalisiert.

„http://youtu.be/yaRpFj9VEwI“> (Dokumentation zur mexikanischen Revolution – in spanisch)

Viele ihrer Ideen und Kampfformen finden sich jedoch später durch Überlebende der CGT( z.b. Jacinto Huitrón) bei der „Federación Anarquista Mexicana (FAM)“ wieder.

Para aliviar las miserias del que sufren no hace falta pedir permiso a nadie”( Um das Elend der Betroffenen zu lindern ist nicht erforderlich, dafür um Erlaubnis zu fragen )
(Jacinto Huitrón)


Apr 29 2021

„Frei sein wird jedes Herz und Gehirn“ – David Edelstadt ( 9.Mai 1866) und die Sweatshopdichter

https://archive.org/details/DavidEdelstadtUndDieSweatshopdichter

(Die Radiosendung zum Text)

****

über die Arbeit und Mühe eines anderen,
Frei wird sein jedes Herz und Gehirn,
Das ist Anarchie
Eine Welt in der Freiheit jeden beglückt,
den Schwachen den Starken „ihn“ und „sie“
wo „deins“ und „meins“ keinen unterdrücken wird
Das ist Anarchie

(David Edelstadt)

Mit 12 Jahren schrieb David Edelstadt seine ersten Gedichte. Geboren in Kaluka, im Westen Russlands, lernte er Schreiben und Lesen als „Kantonist“ bei der russischen Armee. Ein Dekret des Zaren verpflichtete alle männlichen Kinder von Militärangehörigen von 12 – 25 Jahren in spezielle Kantonschulen, später „Garnisonsschulen“ genannt.

Diente die verstärkte Verpflichtung der männlichen Juden offiziell als „Integration“, war sie in Wirklichkeit eine mit Zwang und Gewalt ausgeübte „Aushebung“ und brachte ihnen nicht mehr Rechte als zuvor.
Zu dieser Zeit, 1878, war der Hass gegen die jüdische Bevölkerung wieder gestiegen. Eine slawophile Bewegung, der u.a. auch Dostojewski angehörte, kramte als Propaganda wieder eine „Ritualmord“ Legende hervor und behauptete weiterhin, dass die Juden fremde Eindringlinge seien, die das russische Leben zersetzen wollten. Vor allem zwischen 1881 und 1882 geschah eine Vielzahl von Pogromen.

„Wir werden gehasst und getrieben
Wir werden geplagt und verfolgt
Und alles nur, weil wir das
arme schmachtende Volk lieben

Wir werden erschossen, gehangen,
Man nimmt uns das Leben und das Recht
Und nur, weil wir die Wahrheit verlangen
Und Freiheit für den armen Knecht…. „

Nachdem David einem Pogrom in Kiew entkommen konnte, wanderte er 1882 nach New York aus, wo er sich der ersten jüdisch-anarchistischen Gruppe „ Pioniere der Freiheit“ anschloss. Diese Gruppe, literarisch und rednerisch herausragend, machten in dem vorwiegend jüdischen Teil von New York, der Lower East Side, ne Menge Dampf.

So unterstützen sie vehement die angeklagten Haymarketanarchisten in Chicago und verbreiteten Propaganda unter den immer zahlreicher werdenden jüdischen Emigranten. Diese Propagandaarbeit führte zu weiteren Gründungen anarchistischer Gruppen, unter anderem in Boston und Philadelphia, wo David Edelstadt und andere von den „Pionieren“ zu Vorträgen reisten.

Die „Pioniere der Freiheit“ brachten 1889 ihre erste Zeitung heraus, die „ Wahrheit“, in denen David Gedichte in jiddisch veröffentlichte und sie bei den wöchentlichen Vorträgen und Diskussionen vorlas.
Nach „Die Wahrheit“ erschien kurzzeitig der „Morgenstern“ – daraus entstand die „Freie Arbeiterstimme“. David wurde Mitarbeiter, danach Chefredakteur.

Die „Freie Arbeiterstimme“ erschien 1890 zum ersten Mal. Der Titel wurde sowohl in Jiddisch als auch in Deutsch und Englisch auf dem Titelblatt vermerkt. Erst 1977 wurde sie eingestellt.

„http://youtu.be/vXlzdwGJ7OA“>(4teiliges Filmdokument zur „Freien Arbeiterstimme“ – englischsprachig)

David Edelstadt gehörte mit Morris RosenfeldMorris Winchevsky und Joseph Bovshover zu den „Sweatshopdichtern“, die als die erste Schule der jiddischen Poesie bezeichnet wird und deren Gedichte, in Musik gesetzt, bei Kundgebungen jüdischer Arbeiter*innen gesungen wurden

„Sweatshops“ im englischen Sprachgebrauch für „Ausbeuterbetriebe“ sind exakt das, was der Name sagt. Fabrikarbeit mit sehr geringem Lohn und miesen Arbeitsbedingungen . Die „Sweatshopdichter“ arbeiteten damals mit vielen anderen 12 Stunden und mehr in Schneiderbetrieben, David dabei als Knopflochmacher.

…..No seltn, seltn se ich ihm,
Majn Schejnem, wenn er wacht.
Ich tref im imer schlofndik,
Ich se im nor bajnacht.
Di Arbet trajbt mich fri arojss,
Un lost mich schpet zurik.
Oj fremd is mir majn eign Lajb,
Oj, fremd, majn Kind’s a Blik.
…….
(Morris Rosenfeld: Mein Jingele)

Heute finden wir solche Fabriken in Asien und als „Maquiladoras“ genannte Betriebe in Lateinamerika, vor allem in Mexico.

 (Morris Rosenfeld)

„http://youtu.be/Er76inuWZS8″>

(Mein Ruheplatz)
Don‘t look for me where myrtles are green.
You will not find me there, my beloved.
Where lives wither at the machines,
There is my resting place.

Don‘t look for me where birds sing.
You will not find me there, my beloved.
I am a slave where chains ring,
There is my resting place.

Don‘t look for me where fountains spray.
You will not find me there, my beloved.
Where tears flow and teeth gnash,
There is my resting place.

And if you love me with true love,
So come to me, my good beloved,
And cheer my gloomy heart
And make sweet my resting place.

In ihren Gedichten drückten sie ihre Solidarität mit anderen Arbeitenden und den Wunsch nach revolutionärer Veränderung aus, wie z.b. in „Revolution“ von Joseph Boshhover

„http://www.dickgaughan.co.uk/songs/mp3s/revolution.mp3″> (Interpret: Dick Gaughan)

Ein weit verbreitetes und beliebtes Lied war „Im Kampf“ von David Edelstadt und wurde neben seinem anderen Lied „Arbeiterinnen“ in den Streikbewegungen des zaristischen Russlands gesungen

Shmidt undz in ayzerne keytn,
Vi blutike khayes undz rayst;
Ir kent undzer kerper nor teytn
Nor keyn mol undzer heylikn gayst.

David erkrankte bald darauf an Tuberkulose und musste seinen Arbeitsplatz aufgeben. Am 17.Oktober 1892 starb er im Alter von 26 Jahren.

Die „Freie Arbeiterstimme“ schrieb über ihn: „ David Edelstadt war ein feiner, idealistischer Mensch, ein geistiger Sturmvogel, dessen Lieder der Revolte von jedem jiddisch sprechenden Radikalen geliebt wurde. „

Ir kent undz dermordn, tiranen,
naye kemfer vet brengen di tsayt;
Un mir kemfn, mir kemfn biz vanen
Di gantse velt vet vern bafrayt.

(David Edelstadt: Im Kamf)

„http://youtu.be/OkIe5D0bM74″> (Eine Version von „Im Kamf“ — leider in anderen Versionen mit Leninportraits regelrecht „missbraucht“)


Feb 26 2021

Amazon auf den Mond .. nicht nach Schwerin (und anderswo)

Der ECommerce Gigant Amazon will an insgesamt vier Standorte in Mecklenburg-Vorpommern … dabei auch in Schwerin. Im Februar stimmte der Hauptausschuss der Schweriner Stadtverwaltung in einer üblichen nichtöffentlichen Sitzung dem Verkauf eines passendes Geländes für Amazon zu…in Betriebnahme ist 2022 geplant… hier die 4 „Flugblätter“, die von der Initiative „Amazon auf den Mond..“ erstellt, veröffentlicht, verklebt und verteilt wurden …

 


Feb 26 2021

Wenn mein Lied so traurig klingt … zur Hinrichtung von Salvador Puig Antic – 2. März 1974 !

Ich will mich nicht fürchten
nicht morgen und nicht heute
auch nicht in der Erinnerung
was ich mag ist das Lächeln eines Kindes am Meer
und ihre Augen wie ein Strauss ausbrechender Freude

und wenn ich ein trauriges Lied singe
dann deshalb, weil ich die Angst nicht aus meinen armen Augen auslöschen kann

Ich kann dem Tod nichts abgewinnen
Noch seinem so eisigen Gang
Ich mag ihn heute nicht
Und auch nicht als Erinnerung.

 

 

Was mir gefällt ist
das Pochen dieses Herzens, welches
kämpfend,
das Leben dem Tod darbietet,
denen, die ihn verurteilt haben

und wenn ich so traurig klinge
dann deshalb, weil ich nicht vergessen kann
das sein Tod von den Genossen so ignoriert wird.

Ich will nicht mein Lied singen
Weil ich weiss, daß „Sie“ so viele zum Schweigen gebracht haben
So viele Münder, so viel Geschrei
Die Wahrheit sagend
Deshalb will ich das Lied der einfachen Leute(Leute auf der Strasse)
Mit der Kraft der Worte
im Grunde (Recht)verwurzelt.

Und wenn ich so traurig singe dann deshalb

weil die Furcht nicht aus meinen traurigen Augen verschwindet

***

(Aus dem Katalanischen von stoergeraeusch schwerin)

 

„……Nach ersten Schritten in den illegalen Comisiones Obreras (betriebsgewerkschaftliche Arbeiterkommissionen; zunächst noch moskautreu, ab 1960 reformistisch) leistet er noch seinen Militärdienst als Sanitäter auf Ibiza ab. Doch bald danach gründet er mit gleichgesinnten Anarchisten und linksrevolutionären Kommunisten die iberische Befreiungsbewegung MIL (Movimiento Iberico de Liberation – MIL steht aber auch für Tausend). Diese versteht sich nicht so sehr als revolutionäre Avantgarde sondern vielmehr als Unterstützerin der Arbeiterkämpfe und Streiks, wobei sowohl hierarchische Gesellschaftsstrukturen als auch der gerade in Spanien tief verwurzelte gewerkschaftliche Kampf grundsätzlich kritisch hinterfragt werden. In ihren Verlautbarungen sticht die MIL gegenüber anderen spanischen Untergrundgruppierungen durch Ironie und Humor hervor.

Die Reisen führen auch nach Südfrankreich, wo die MILs sich mit alten Revolutionären der exilierten anarchosyndikalistischen CNT treffen. Als jedoch bei einem Banküberfall einiges aus dem Ruder läuft und ein Bankangestellter erblindet, beschließt die Gruppe kurzerhand sich aufzulösen. Als Anfang 1973 Antichs Mutter stirbt, taucht dieser bedenkenlos aus der Illegalität auf und kümmert sich um seine Familie. Gerade in dieser Phase werden nach einer konzertierten Polizeiaktion drei Aktivisten der MIL gefangen genommen, einer davon verrät nach schweren Folterungen die geheimen Treffpunkte der Gruppe. Der Rest ist polizeiliche Routinearbeit, die Aktion am 25. September 1973 verläuft allerdings nicht nach Plan. Der Subinspector der Guardia Civil, Anguas Barragán, erleidet fünf Durchschüsse und stirbt. Salvador Puig Antich kommt mit einer schweren Verwundung davon.

Eindeutige Indizien weisen darauf hin, dass die tödlichen Schüsse nicht aus Antichs Waffe stammen können. Die Anklage wird jedoch genau in diese Richtung konstruiert. Beweismittel werden unterdrückt, entlastendes Material unterschlagen. Am Jahresende wird Francos Rechte Hand und Graue Eminenz des Franquismus, der Admiral Luis Carrero Blanco, nach dem Besuch einer Morgenmesse samt seinem Auto durch die Wucht der Explosion einer ETA-Bombe über ein fünfstöckiges Haus ins sichere Karriere-Aus geschleudert und stirbt an Ort und Stelle. Das Attentat findet wenige Minuten vor Prozessbeginn gegen zehn Aktivisten der Comisiones Obreras statt … Antich weiß, dass spätestens jetzt an seiner Todesstrafe nicht gerüttelt werden kann. Mit ETA m`ha matat (die ETA hat mich umgebracht) kommentiert er kurz die Auswirkungen dieser Tat auf seine eigene Situation.

Und so wird auch am 7. Jänner 1974 der 25-jährige Salvador Puig Antich wegen Mordes an einem Guardia Civil Beamten durch ein Militärgericht der Franco-Diktatur zum Tode durch die mittelalterliche Hinrichtungsmethode der Garrote verurteilt…. “   

 

 

 


Jan 27 2021

Die verachteten Opfer

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Nicht nur zum Gedenken am 27.Januar

Schwarzer Winkel ( und Co.)

– Eine Einführung –

von stoergeräusch schwerin (w.h.)

Früher als im Rest des Landes gelangten die Nationalsozialisten 1932 in Mecklenburg-Schwerin an die Macht. Als äusseres Zeichen wurde dann der Platz vor dem Justizgebäude — bis da: Königsbreite – zuerst in Adolf Hitler dann in Blücherplatz umbenannt. Die Nazis veränderten aber auch den Charakter des Justizwesens. Eine der Einrichtungen waren die Sondergerichte, die im Laufe der Herrschaft ihre Befugnisse weiter ausbaute mit z.B. Verordnungen gegen „Volksschädlinge“….dieser Begriff ersetzte die Bezeichnung“asozial“, die bis dahin das Denken in Deutschland prägte

Die Bezeichnung „asozial“ war und ist die übliche Bezeichnung für die als „minderwertig“ eingestuften Menschen, die nach Ansicht der tonangebenden Gesellschaftsschichten nicht oder nur ungenügend arbeiten oder unangepasst leben – scheinbar unfähig zur Eingliederung.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland

Gemäß einem Grunderlass zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung vom Dezember 1937 konnten die „Asozialen“ im Rahmen dieser Prävention in ein Konzentrationslager eingeliefert werden. Durch die Aktion“ Arbeitsscheu Reich“ kam es 1938 zu Massendeportationen, oft mit tatkräftiger Unterstützung der Arbeits- und Fürsorgeämter.

Als „Asozial“ galten u.a. : Bettler, Körperbehinderte, Denunziantenopfer, Wohnungs- und Obdachlose, Aufsässige, Wanderarbeiter, Legastheniker, Roma und Sinti, weibliche Homosexuelle, Waisen, Prostituierte, Zwangsprostituierte, Frauen mit wechselnden sexuellen Kontakten, Kleinkriminelle, ständige Nörgler, Menschen, die Armen oder gar KZ-Häftlingen halfen, Anarchisten, Gehörlose, Analphabeten, so genannte Arbeitsscheue, Bummelanten, Faule, Autisten, Stotterer, nicht „Reinrassige“, Volksschädlinge, Volksverräter usw.usw.

Stacheldraht – mit Tod geladen

Die so als „Asoziale“ Verschleppten wurden mit einem „Schwarzen Winkel“ auf der Häftlingskleidung markiert. Diese KZ-Insassen standen zusammen mit den männlichen Homosexuellen und den jüdischen Gefangenen am untersten Ende der Häftlingshierarchie.
Durch dieses System (der Kennzeichnung) waren die Gefangenen zum einen besser kontrollierbar, zum anderen wurde mit der Vergünstigung , einen anderen Winkel zu erhalten, KZ-Häftlinge zu Denunzianten und Spitzel angeworben

Auch – aber nicht nur in den genannten untersten Kategorien gab es dokumentierte Versuche interner Aufstiege.

Aber es waren nicht die Nazis, die das Wort „Asozial“ geprägt hatten.

Links zwei, drei ..“

Schon zuvor bei Sozialdemokraten und Kommunisten war die Arbeit heilig. Der Sinn der jeweiligen Arbeit wurde nicht hinterfragt. Vielleicht irgendwann im Paradies, aber auf Erden gings allein um Lohnerhöhungen und Arbeitszeiten

Nur die AnarchistInnen waren es, die dem von Marx/Engels geprägten Begriff der „Entfremdung der Arbeit“ nachgingen und im Diesseits zum Programm machten. Mit dem Niederkämpfen durch Unternehmer und Sozialisten verschwanden diese Fragen mehr und mehr aus der Arbeiterbewegung und die Arbeit wurde zur Ideologie. Wollte dann doch einer nicht arbeiten, so galt er bei den Kommunisten und Sozialisten als „asozial“, ja, die Kommunisten prägten das Wort „Lumpenproletariat“

Wer wirklich will, findet auch Arbeit“ diese heute ach so vertraute Aussage fand sich auch in den Gedanken und Aussagen der kommunistischen Arbeiterbewegung. Arbeit wurde mehr und mehr idealisiert.
Die so genannten „Helden der Arbeit“ dienten als Ansporn und Vorbild – kräftige Männer mit Hammer und Blick in die Zukunft gerichtet, an ihrer Seite die tüchtige Frau mit Sichel und Kopftuch. Selbst Schwerstarbeit wurde verklärt.

Menschen, die sich diesem entzogen, galten als „gemeinschaftsschädigend“, als „asoziale Schmarotzer“.

Die deutschen Faschisten ihrerseits mochten das Wort „Asozial“ nicht und versuchten es durch andere Begriffe zu ersetzen. Aus „Asozialen“ wurden so „Volksschädlinge“, die es zu vernichten galt –

Vernichtung durch Arbeit

– Begriff der im Nazi-Lager-System geprägt wurde. Gemeint ist die planmässige Tötung von Zwangsarbeitern oder Häftlingen durch Schwerstarbeit und mangelhafte Versorgung , oft 12 bis 16 Stunden Arbeit mit ungenügender medizinischer Versorgung, mit Folter und Misshandlungen bis hin zur direkten Ermordung.“

Der Einfluss der sogenannten Asozialen auf das Lagergeschehen war äusserst gering. Weder wurden sie von anderen Häftlingsgruppen unterstützt, noch entwickelten sie selber eigene Formen der Organisierung. In den Erinnerungen der anderen Überlebenden waren die vom „Schwarzen Winkel“ nur verachtet. Erst einmal in ein KZ eingewiesen, blieb ihnen nicht einmal die Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Diesseits oder im Jenseits. Vor allem von den “Politischen“ wurden sie vehement abgelehnt. Hatten die „Politischen“ ihre Partei oder „ihre“ andere Welt als Hoffnung, so blieben die Asozialen nach Meinung der anderen nichts als ihr eigenes, von den Nazis als minderwertig eingestuftes selbstverschuldetes Leben.

Wir erinnern uns: als „Asoziale“ galten auch die, die nicht ordentlich gekleidet waren, oder weder die Nazi- noch die KPDZeitungen abonniert hatten, Jugendliche, die sich weigerten, der HJ beizutreten –also alle und jene, die den von den Nazis aufgestellten Normen nicht entsprachen.

Die Häftlinge mit dem „Schwarzen Winkel“ erlebten die gleiche gesellschaftliche Isolation und Diskriminierung wie in der Zeit zuvor und sollte sie bis in die heutige Zeit verfolgen.
In den Lagern wurden sie nicht als LeidensgenossInnen gesehen, sondern nur als Bedrohung.

Leichtes Spiel für die Nazis. Deren Ziel – die endgültige Beseitigung abweichenden Verhaltens.

Bildergebnis für schwarzer winkel

Männer sind sich alle gleich … „

Ein besonders grausames Schicksal – die Frauen mit dem „Schwarzen Winkel“. Zu ihnen zählten nicht nur homosexuelle Frauen oder Prostituierte, sondern auch Zwangsprostituierte. 33 000 Frauen wurden in den Bordellen der SS, der Wehrmacht und in den Lagerbordellen der KZs zu Zwangsprostituierten.
Viele dieser Frauen wurden nach sechs Monaten „Einsatz“ als „Geheimnisträgerinnen“ sofort ermordet. Die anderen kamen danach in einen Sonderbau des KZ Ravensbrück.

Ein gesonderte Gruppe der „Asozialen“ bildeten die Sinti und Roma. Sie wurden in so genannten „Familienlagern“ innerhalb der KZs in abgesonderten Blöcken untergebracht , häufig dem Prügeln und Foltern auch durch Lagerinsassen ausgeliefert. Alle Roma und Sinti erhielten bei ihrer Einlieferung in die Lager eine Häftlingsnummer in den Arm eintätowiert –damit waren sie ausnahmslos für die spätere Ermordung vorgesehen.

Nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern 1945 betrug der Anteil der Häftlinge mit dem „Schwarzen Winkel“ je nach Lager etwa 10 bis 20 %. Danach hat sich keiner/keine ernsthaft um das Schicksal dieser Verfolgten gekümmert. Erst 1987 wurde sich einem Teil dieser Vergessenen wieder erinnert – hier der Roma und Sinti, den männlichen Homosexuellen (Inzwischen auch den Deserteuren und aktuell den weiblichen Homosexuellen- )

Alle anderen als „Asozial“ verfolgten Menschen werden heute weitestgehend „vergessen“(oder verdrängt) und/oder dienen weiterhin als das Negative, Abwertende, Diskriminierende in der Gesellschaft.

Zurück nach Schwerin: „…Um die „Reinigung des Volkskörpers“ von innen heraus voran zu treiben, ließ das Erbgesundheitsgericht am Demmlerplatz in den Heil- und Pflegeanstalten am Sachsen- und Lewenberg „minderwertige“ Menschen zwangssterilisieren. Für derlei Eingriffe standen in Mecklenburg 14 Krankenhäuser zur Verfügung, vier davon in Schwerin. Mehr als 900 Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen, psychisch Kranke, Alkoholiker oder so genannte „Asoziale“ wurden in Schwerin durch eine Überdosierung von Veronal, Luminal oder Morphium im Essen oder durch eine Injektion getötet. Unter ihnen befanden sich auch 100 Kinder, die zwischen 1941 und April 1945 unter der Leitung von Dr. Alfred Leu ermordet wurden. ..

+

All diesen gilt es (nicht nur) heute zu gedenken. Ein Gedenken, das hineinragt auch in den aktuellen Alltag … möge das System heute eine andere Struktur haben und sich im alltäglichen öffentlichen Leben neu aufstellen, der „Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das alles kroch“ es kleidet sich halt anders …. (s.a. „Unterschichten und Faulenzerdebatte“, „Klassismus“ etc.)

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Weiterführende Links:

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Weiterführende Links:

https://radiochiflada.blogspot.com/2017/12/die-verachteten-opfer-das-schwarze.html

https://radiochiflada.blogspot.com/2017/12/die-vergessenen-lager-teil-2-zu-die.html

http://hartmutstein.com/verbrechen.html


Jan 6 2021

„Die Löwin des Südens“ (Michelina de Cesare) — Arbeiter*innen der Nacht, Teil 2

“ Meglio na buona morte ca na mala vita . “—- Lieber einen gutenTod als ein schlechtes Leben.“

 

    

 (Brigantessas)

Im italienischen Sprachgebrauch wird ganz klar unterschieden zwischen „Briganti“ und „Banditi“.
Banditen waren (und sind) einfach Räuber, die für ihren Eigennutz handeln und vor keine(r) Person dabei halt machen, dabei auch ihre Macht und Einfluss nutzen. So gelten (nicht nur) für die meisten Italiener*innen Politiker generell als Banditen, oder Bosse, die ihnen Bestechungsgelder geben, Millionen hinterziehen, durch Steuervorteile oder durch die Auspressung der Arbeiter*innen.
Sie stehen dabei in der Tradition der lokalen Adligen, der herrschenden Barone des 16.-18.Jahrhunderts.

Die Briganten (brigare = kämpfen, streiten) waren darauf die militante Antwort.

 

 

Am 17. März 1861 konstitutierte sich das Königreich Italien als Ergebnis des so genannten „Risorgimento“, ein Unabhängigkeitskrieg, der vor allem vom Piemont (Königshaus Savoyen)und dem liberalen Bürger*innentum (Bourgeoisie und Adel vorwiegend im Norden Italiens) getragen wurde. Die Briganten, verarmte oder landlose Bauern, Tagelöhner, Hirten und Handwerker, ,die im Süden Italiens schon gegen die Macht und Willkür der Großgrundbesitzer gekämpft hatten, unterstützen in dieser Unabhängigkeitsbewegung vor allem die Truppen Garibaldis in der Hoffnung, daß sich die sozialen Verhältnisse für sie ändern.
Doch schnell war klar, daß die neue Regierung unter Viktor Emmanuel II. noch verstärkter als zuvor lediglich die Interessen der Bourgeoisie und der Grossgrundbesitzer befriedigte. So konnten letztere nicht nur ihre Gebiete behalten, sondern bekamen durch die Privatisierung staatseigener Grundstücke noch einen Batzen dazu. Zwangsrekrutierungen und Steuererhöhungen trieben dazu immer mehr Menschen zu den Briganten. Das Italien, das sie sich durch Garibaldi und Mazzini erhofft hatten, wo die Besatzer vertrieben und soziale Reformen (vor allem eine dringend benötigte Landreform) möglich sind, war für sie ein Italien geworden, daß von den französischen Savoyern (Piemontesen) beherrscht und von Adel und Bourgeoisie durchgesetzt wurde. 
Süditalienischer Autonomismus mischte sich mit Klassenkampf.

Wehe den Mächtigen, wenn die Menschen die Kraft erkennen, die in ihren Händen steckt, wehe den Unterdrückern, wenn die Unterdrückten erfahren, welche Rechte und Pflichten sie haben. “ (Brigant Carmine Crocco)

Einem Klassenkampf, der von den einen in verzweifelten Aufständen von den anderen in unvorstellbarer Barbarei geführt wurde. Tief im Bewusstsein bleiben die Massaker vom 14.August 1861 als von den Regierungstruppen die beiden Dörfer Pontelandolfo und Casalduni dem Erdboden gleichgemacht wurden, als eine Bestrafungsaktion für 45 Soldaten, die bei der Niederschlagung eines Aufstandes getötet wurden.
Zuerst entlud sich der Zorn der Truppen auf das Dorf Pontelandolfo, egal ob die Bewohner*innen am Aufstand teilgenommen hatten oder nicht – erschlugen, erstachen, vergewaltigten, erschossen, verbrannten innerhalb weniger Stunden Tausende der Einwohner*innen, die Häuser ausgeplündert und niedergebrannt. Es hatte den Charakter einer Strafaktion, wie Kolonialmächte sie durchzuführen pflegen,wenn ihnen der Gehorsam verweigert, wenn ihnen Widerstand entgegengebracht wird.

 

 

1863 wurden Aktionen wie die beiden Massaker Gesetz. Mit dem „Pica “ Erlass konnten nun auch Familienangehörige von gesuchten Briganten bestraft werden oder blosse Verdächtige.
Massenerschiessungen und Abbrennen von Dörfern waren nun tägliche Praxis. Historiker*innen sprechen von etwa 14 000 ermordeten Brigant*innen bzw. angeblichen Brigant*innen.

Die italienische Nation baute sich auf Tribunale, Razzien, Deportationen , Konzentrationslager und Hinrichtungen auf.

Die Briganten kamen nicht nur aus den Dörfern des Südens, sie wurden auch von dort unterstützt. Die einzelnen Familien halfen nach besten Kräften, Denunziationen fand so gut wie nie statt.(Die wenigen waren um so folgereicher, dazu später). Es gab hier keinen Mittelstand, kaum Geschäftsleute, nur ein Oben und Unten.So etwas wie „wissenschaftliches“ Klassenbewusstsein gab es allenfalls bei einigen Brigantenführern, alle handelten aus einer persönlichen direkten Situation heraus – ohne Land ohne Arbeit – und einem Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit.

Besonders hart traf es die jungen Frauen. Hatten sie Arbeit, wurden sie um ein vielfaches schlechter bezahlt. Uneheliche Schwangerschaften wurden bestraft. Oft mussten dabei die jungen Frauen ihren mageren Besitz den Gerichten geben und wurden polizeilich des Dorfes verwiesen. So gingen viele von ihnen zu den Brigantengruppen, wurden eine „Brigantessa
In der offiziellen italienischen Geschichte tauchen sie nur als Liebhaberinnen der Bandenführer oder als Teil der Familie auf wie es auch mit den kämpfenden Frauen in der Mexikanischen Revolution und anderswo geschah. Dabei können wir durchaus von einer gleichberechtigten Rolle in den einzelnen Gruppen sprechen. Sie waren wie die Männer gekleidet und wie die Männer bewaffnet. Angebliche Frauendienste wurden oft auch oder nur von den Männern erledigt.

Die wohl bekannteste war Michelina de Cesare. Am 28.Oktober 1841 in Caspoli(Region Kampanien) in eine dieser zahllosen ärmlichen Haushalte geboren, wurde sie früh durch Diebstähle „aktenkundig“.
1861 schloss sie sich einer Brigantengruppe um
 Francesco Guerra an, bekommt bald eine eigene Waffe und wird eine der führenden und schillernden Figuren in der Gegend um Kampanien. Ihre Gruppe bestand aus 20 Briganten, dabei zwei Frauen , die oft mit drei oder vier Leuten Guerrillaktionen gegen die lokale Bourgeoisie, aber auch gegen Polizei und Militär durchführten. Raubüberfälle, Diebstähle und Entführungen gehörten dazu wie Sabotageakte, die Michelina oft auch mit ihrem Bruder durchführte.

 

 

Michelina wird mehr und mehr zu einer lebenden Legende – gern lässt sie sich in ihrem Versteck fotografieren, posiert in der traditionellen Tracht einer Bäuerin, mit einem Gewehr bewaffnet. Richtig berühmt wurde sie, als es ihr gelingt, das von Carabinieri besetzte Dorf Galluccio durch einen einfachen Trick zu erobern. Die Gruppe – als Soldaten verkleidet – täuscht einen Gefangenentransport vor.
Sieben Jahre lang kämpft ihre Gruppe gegen lokalen Adel, staatliche Ordnung und Obrigkeit.
Die Carabinieri hassen sie – und suchen sie.
Durch einen Informanten gelingt es ihnen, den Ort des nächsten Aufstandes zu lokalisieren.

Am 30.August 1868 versammelt sich eine Gruppe von Carabinieri und Nationalgardisten an den Hängen des Monte Lungo, in der Nähe des Ortes Mignano. Unter den Blitzen eines starken Gewitters erkannten sie die Rebell*innen, gegen zehn Uhr nachts überfielen sie dann das ahnungslose Lager und massakrierten fast alle Aufständischen.
Mit Michelina hatten sie noch was anderes vor. Sie wird gefoltert, massenvergewaltigt, dann erschossen. Ihre nackte und verstümmelte Leiche wird im nahegelegenen Dorf als Warnung ausgestellt. Doch der beabsichtigte Effekt – Einschüchterung und Abschreckung – trat nicht ein.
Die Umstände ihrer Ermordung und die in Umlauf gebrachten Fotos von ihrem Körper mobilisierten noch mehr Menschen, sich den Brigantengruppen anzuschliessen.

Michelina de Cesare wurde in ihrem Leben 27 Jahre alt aber bleibt im Bewusstsein der Menschen des „Mezzogiorno“ unsterblich.

 

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Video: „Das Lächeln der Michaela“  …

 

 

 


Jan 4 2021

Die Arbeiter*innen der Nacht …. 1. Matthias Kneißl

„Ich kann mich nicht beugen „

Die „Arbeiter der Nacht“ nannte sich eine Gruppe um Alexandre Marius Jacob, die zwischen 1901 – 1903 wohl an die 1000 Einbrüche tätigten … beim Adel, Vertreter*innen der Industrie, Ausbeutern … finanziert wurden sozialrevolutionäre Organisationen , Arbeiter und ihre Familien…ein Teil wurde für weitere Aktionen gebraucht

https://syndikalismus.wordpress.com/2011/11/25/eure-brieftaschen-genugen-nicht-mehr/   (Radio Chiflado zu Alexandre Marius Jacob)

Arbeiter*innen der Nacht“ nennen wir deshalb unsere Serie von Frauen und Männern, die für die Herrschenden Banditen, Kriminelle, Räuber*innen waren — für die Beherrschten und Unterdrückten, die Armen und Ausgegrenzten aber oft zu sozialen Rebell*innen mystifiziert wurden und gefeiert, weil sie „zurückholten, was von einigen wenigen angeeignet worden war“ – und diesen damit den (sozialen) Krieg erklärten.
Es sind Frauen und Männer verschiedener Zeiten und Kontinente – wie Johann Breitweiser aus Österreich, Anny Bonny und Mary Read als Piratinnen gegen die großen Handelsflotten (und patriarchalischen Denkweisen) oder auch Michelina de Cesare als Brigantin in einem „Krieg der Armen“ gegen den sich bildenden Nationalstaat Italien.

Beginnen wollen wir aber mit Mathias Kneißl

 

Die Zeit und der Ort, in denen Matthias Kneißl am 12.Mai 1875 in einem Dorf im bayerischen Glonntal hineingeboren wurde, waren eine Welt der Umbrüche und des brutalen Kampfes um die tägliche Existenz. In dieser Zeit begann auch im Königreich Bayern die Industrialisierung, viele Tagelöhner strömten in die Städte, vor allem nach München.
Aber Bayern war auch ein Land, wo das Militärische in hohem Ansehen stand. Wer fürs Vaterland und den König getötet und gedient hatte, war hoch angesehen und hatte ausgesorgt. So trugen sie alle voller Stolz und Brutalität auch im Alltag ihre Uniformen: der Postbote, der Eisenbahner usw.
Der letzte Arm dieser Staatsmacht im Königreich war auf dem Land der Gendarm. Dieser kam meist vom aktiven Militär und sollte nun für „Ordnung“ und „Gesetzestreue“ sorgen, den Willen einer Herrschaft durchsetzen, die von den Bauern nur noch als schikanös empfunden wurde. Diese Gendarmen sorgten auch für die Durchsetzung der Interessen lokaler „Autoritäten“, ob Schlossherr, Pfarrer oder Lehrer und lagen so immer in Konflikt mit den Bauern, die mehr und mehr durch Landraub oder Betrug zu Leibeigenen geworden waren. Einen zuerst versteckten, dann später mehr und mehr offenen Krieg führten sie besonders mit Matthias Kneißl und seiner Familie.

I bi vo Weikatshofa/ I sags ganz unscheniert/ Mei Vata war a Müller/ Da Paschkoliniwirt/ Mei Muatta war a Zweigerl/ Vom Paschkolini-Kern/ Sie liabt bis heut no allerweil/ Die junga Burschn gern/ Mei Vata hat a Müllei pacht/ Vom Sulzemooserschloß./ Da oa hat gstohln a Schaferl/ Da hama öfters gschlachtlt/ Guate Fraßerl hots da gebn/ Das war hoit in da Schachamuihl/ A ganz a lustigs Lebn.“ (Kneißl-lied)

Der „Paschkolini-Kern“ ist Johann Baptist Pascolini, der 1831 in Unterweikertshofen im Landkreis Dachau geboren wurde und sich zu einem professionellen Einbrecher und Räuber entwickelte, und 1871 mitten am Tag aus der Strafanstalt München-Au geflohen war, wo er 18 Jahre hätte einsitzen müssen. Er wurde in Dezember desselben Jahres nach einem versuchten Einbruch von seinem Kumpel bei der Flucht –wahrscheinlich versehentlich –am Kopf tödlich getroffen. Seine Schwester Therese war die Mutter von Matthias Kneißl, die zusammen mit seinem Vater, einem ehemaligen Müllerlehrling und Schreiner eine Mühle in der Nähe von Unterweikertshofen betrieben.
Dort wurde wohl nicht nur mit Mehl gehandelt, sondern war auch beliebter weil lohnenswerter Treffpunkt von Wilderen und Dieben. Tote Hirsche brachten viel Geld.

Wildern war zu dieser Zeit eine tägliche Praxis, von fast allen in den umliegenden Dörfern betrieben oder zumindest toleriert. Kirchenraub allerdings nicht.

Im September 1892 wurde die Wallfahrtskirche in Friedberg ausgeraubt. Kelche, Kerzenleuchter und weitere Reliquien gestohlen! Welch ein Frevel ! Die Mutter, Therese, wird einige Tage später in München festgenommen, als sie einige der Gegenstände verkaufen will. Daraufhin stürmt die Gendarmerie die Mühle und verhaftet den Vater, der vergebens zu fliehen versuchte. Auf dem Weg zum Gefängnis in Dachau wird dieser so schwer verprügelt, dass er wenig später in der Gefängniszelle stirbt. Die bayerische Polizei war schon immer nicht sehr wählerisch in ihren Mitteln.

Der Vater tot, die Mutter in Untersuchungshaft, um den jungen Matthias kümmert sich anfangs keine(r). Mit seinem Bruder Alois streift er durch die Gegend, lebt von kleineren Diebstählen, ernährt seine Geschwister durch Wildern in den nahe liegenden Wäldern, die damals dem Baron von Schaezler gehörten – durch Betrug an den Bauern zum “Eigentümer“ geworden.

Auch der Dorfpfarrer, die gesetzliche Schulaufsicht, hielt die Kneißlbrüder an der Leine und die hieß: Schulzwang. Es war damals in Bayern üblich, dass die Kinder sieben Jahre in die Volksschule gehen mussten und anschließend drei Jahre in die so genannte „Volksfortbildungsschule.“ Diese war wöchentlich einmal, und zwar am Sonntag. Sie wurde deshalb auch „Feiertagsschule“ genannt. In diese Feiertagsschule musste nach seiner Entlassung aus der Volksschule auch der Kneißl Matthias gehen. In einem Zimmer eingesperrt, die Hände auf die Bank, die Augen nach vorne zum Lehrer*innenpult– oft genug waren die Kneißlbrüder dem entwischt.
Nun schickte der Pfarrer zwei Gendarmen los, um Matthias und Alois wieder in die Schule zu zwingen. Gendarmen – die die ihren Vater totgeschlagen hatten, Gendarmen, die verhassten Erfüllungsgehilfen von Königshaus, Großgrundbesitzern und Kirche.

Als die Polizisten am 2. November 1892 die Mühle betreten, werden sie von Alois und einem anwesenden Freund mit Gewehrfeuer empfangen, bleiben schwer verletzt liegen. Nach Tagen der Flucht werden Alois Kneissl und Joseph Schreck festgenommen, zu 16 bzw. 12 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Zwei Wochen später wird Matthias Kneissl festgenommen. Obwohl er keine Schüsse abgegeben hatte, wurde er wegen Mordversuch, schwerem Diebstahl, Raub, Bedrohung und Jagdvergehen zu einer Gefängnisstrafe von sieben Jahren verurteilt.
Leute wie er hatten die sozialen Grenzen und die Ordnung des Königreichs Bayern zu akzeptieren – viel hat sich nicht bis heute dort geändert.

Matthias Kneissl muss die vollen sieben Jahre in lichtlosen Verliesen bleiben, physisch und psychisch angeschlagen geht er anschließend nach München, wo inzwischen seine Mutter wohnt.
Dort gelang es ihm nicht, längere Zeit eine Arbeit als Schreiner zu finden. Überall tauchten die Gendarmen auf und machten in großen Übertreibungen die Haft und die Gründe der Haft öffentlich.

Er antwortet mit Raubüberfällen, entwendet bei einem reichen Hopfenbauern Pfandbriefe. Bei dem Versuch, sie weiterzuverkaufen, wird er denunziert, kann aber flüchten – diesmal allerdings schießt er selbst. Zwei Gendarmen stehen nie wieder auf.

Nun beginnt eine regelrechte Hetzjagd. Im ganzen Königreich Bayern hängt sein Steckbrief. Er hatte nicht Bauern getötet, sondern Vertreter der Staatsmacht. Das Kopfgeld wird auf 1000 Mark erhöht. Telegramme gehen an die Polizeibehörden von Berlin, Frankfurt und Salzburg, an die Hafendirektionen von Bremen, Hamburg, Triest und Genua. Alls Hausierer getarnte Beamte durchkämmen das Land. Die Polizei sperrt Straßen und bewacht Kreuzungen, kreist Waldstücke ein und beschattet Kneißls Mutter in München. Aus dem Räuber wurde ein Staatsfeind .Im Frühjahr 1901 wird er dann von 70 Polizisten umstellt.

Zum Invalid‘n hab‘ns‘n g’schoss‘n, des is ja wohlbekannt/ Und daß’s an Hias‘l g‘fanga hab‘n, des woaß des ganze Land/ Auf da Bahre hab‘ns‘n transportiert, a 6 an 8 Schandarm/ des gibt ja in da Münchna Stodt an fürchterlichen Alarm.“(Kneißlied)

Am 5. März, in der Früh wird Schiessbefehl erteilt. Eine Stunde lang schießen die Gendarmen auf das Versteck, einen kleinen Bauernhof in Geisenhofen (Landkreis Fürstenfeldbruck), durchschlagen Fenster und Türen. Als sie das Haus stürmen, finden sie auf dem Dachboden den schwer verletzten Matthias, der keinen einzigen Schuss abgegeben hatte. Den rechten Arm und die linke Hand zerschossen, eine Kugel im Bauch, lag er zusammenkauert hinter einem Kamin. Auf dem Weg ins Krankenhaus wird er von den Polizisten geschlagen und getreten. Die Ärzte retten ihm das Leben – damit er vor Gericht gestellt werden kann. Vier Monate bleibt er in der Chirurgie in München.

Am 14.November 1901 beginnt der Prozess gegen Mathias Kneißl vor dem Oberlandesgericht in Augsburg

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Matthias Kneissl wird bis heute wie ein „Bayerischer Robin Hood“ gefeiert.
Geschenke an die Armen habe er gemacht, das Diebesgut geteilt. Oft geschah dies aber auch aus einer persönlichen Notwendigkeit. Die Verfolgung durch die bayerische Polizei, der Hass der Obrigkeit und das damit vermittelte Gefühl, in Bayern nicht gewollt zu sein, forderten Hilfe und Solidarität. Viele nahmen dadurch selber ein großes Risiko auf sich, denn wer einem polizeilich Gesuchten ein Nachtlager anbot, wurde selbst hart bestraft. Umsonst war es daher oft nicht, Kerzenleuchter oder Wild dann Kneissls Währung.

Aber dass er der Obrigkeit getrotzt hatte, sich angelegt hatte mit den „Betrügern da oben“, das Herz am rechten Fleck habe, imponierte vielen.

Die Gendarmen waren auf den oberbayerischen Dörfern unbeliebt. Denn viele von ihnen kamen aus Franken und Franken lag für sie in Preußen und sie verkörperten in ihrer brutalen und autoritären Art die „hohen Herren aus der Stadt“.
Postkarten wurden gedruckt, Flugblätter auf Kneissl, der der Polizei immer wieder entwischt war. In den Kneipen sangen sie Spottlieder auf die Polizei, Matthias Kneissl wurde so schon zu Lebzeiten zur Legende, ein Einzelkämpfer für die Gerechtigkeit.

Der Weg vom Gefängnis zum Justizpalast und der Platz davor waren dicht mit Neugierigen und sollte es die nächsten vier Tage bleiben. Das Urteil dann: Matthias Kneissl wird zum Tode durch das Fallbeil verurteilt. Sein Henker ist Franz Xaver Reichhard, dessen Neffe 1943 Widerstandskämpfer*innen der „Weißen Rose“ hinrichtet.

Es war an einem Montag, vor gar nicht so langer Zeit/ Die Vögel haben nicht gesungen, und die Glocken haben nicht geläutet/ Da haben sie Mathias Kneißl zur Hinrichtung gefahren/ Im Rollstuhl, denn in seinem Rücken steckten die Kugeln der bayerischen Gendarmen/“Die Woche fängt ja gut an“ / Und der Henker zog ihm die Kapuze über den Kopf / Doch der Mathias war kaltblütig / Denn er wusste, dass er bald in den ewigen Wald muss/
Wo er in Frieden mit seiner Frau und seinem Kind leben kann/ Wo er sich nicht mehr verstecken muss, wo ihn kein Polizist finden kann/ Wo die Wälder voll sind mit Hirschen, Hasen und Rehen/
Wo er sich etwas zum Essen schießen kann, wo er im See baden kann/ Wo er so leben kann, wie es ihm passt, ohne Pfarrer und Bürgermeist/ Wo er gehen oder laufen kann, wie es ihm gefällt/ Natürlich haben sich die Leute vor seinem rußgeschwärzten Gesicht gefürchtet/ Doch wer genau hinsah, wusste: das ist eine ehrliche Haut/ Auch wenn die Polizei herumerzählt hat: „Passt auf, der Mann ist gefährlich“ / Doch wer ihn kannte, wusste: der Mann ist gut, der Mann ist ehrlich/ Oft hat er die Reichen bestohlen/ Aber er hat das Geld nie behalten, er hat es den Armen und Alten gegeben/ Er war einer von den Alten und Echten/ Aber er wurde wie ein Hund gejagt/ Er war einer von den Alten und ganz Großen/ Und darum haben sie ihn 1902 zum Krüppel geschossen/ Er war einer von den Alten und Echten/
Aber sie haben ihn sein Leben lang wie einen Hund gejagt/ Den Mathias Kneißl“
 (Georg Ringswandl – hier in einer hochdeutschen Übersetzung)

 

 

Ich kann kein Unrecht leiden. Ich kann mich nicht beugen, lieber geh ich selber zu Grunde“ waren die letzten Worte von Matthias Kneissl. Wir finden sie in Verfilmungen, in Erzählungen und Texten über ihn.